Die DSGVO ist nicht dafür da, Menschen und Unternehmen zu „nerven“. Sie ist dafür da, daß Privatheit unter der eigenen Kontrolle bleibt – und daß Unternehmer Ihren Ruf schützen können.
Betrachten wir das Thema anhand einer realen Begebenheit.
Das Geschehnis handelt von unbedarften Mietern, verkaufswilligen Eigentümern und einem netten Makler.
Die "trockene" Version wurde vor dem Landgericht Frankenthal verhandelt:
Vor allem Mieter und Makler können hieraus ihre Lehren ziehen.↗
Datenschutz wirkt oft wie ein Regenschirm bei Sonnenschein: Man trägt ihn ungern, bis es schlagartig gießt. In der Theorie geht es um Vorschriften, Formulare und Pflichttexte. In der Praxis geht es um etwas viel Einfacheres: darum, wer die Kontrolle darüber behält, was andere über einen wissen – und warum.
Die folgende Geschichte zeigt einen Fall, der zunächst völlig harmlos wirkt: ein angekündigter Fototermin, ein sachliches Exposé, ein Verkaufsvorhaben. Das Unbehagen entsteht nicht im Moment des Fotografierens, sondern erst später – als andere Menschen beginnen, die Bilder zu deuten.
Merksatz: Der Kontrollverlust beginnt selten mit böser Absicht – sondern mit unterschätzter Reichweite.
Der Besuch des Maklers kam nicht überraschend. Er war angekündigt, freundlich formuliert und mit jener sachlichen Höflichkeit versehen, die Eigentümer verwenden, wenn sie etwas verkaufen möchten, das ihnen gehört – und in dem nun mal andere wohnen.
Herr und Frau Klabauter waren Mieter, schon seit Jahren. Sie mochten das Haus: die knarrende Treppe, den leicht schiefen Türrahmen im Flur und sogar die Steckdose hinter dem Sofa, die nur mit einer Mischung aus Geduld und Yoga zu erreichen war. Die Eigentümer hingegen hatten andere Pläne. Sie wollten verkaufen. Nicht aus Ärger, nicht aus Gier, sondern weil sie sich einen kleinen Traum erfüllen wollten: ein Häuschen am Meer, wo der Wind salzig roch und niemand über Nebenkostenabrechnungen sprach.
Also sollte das Haus auf den Markt. Ordnungsgemäß. Mit Exposé. Mit Fotos.
Der Makler erschien pünktlich, fast ein wenig entschuldigend, mit ruhiger Stimme und einer Kamera, die mehr nach Handwerk als nach Sensationslust aussah. Er war weder überheblich noch aufdringlich, eher zurückhaltend, auch dankbar dafür, dass man ihn hereinließ. „Ich mache nur ein paar Fotos“, sagte er, „damit Interessenten sich ein Bild machen können.“
Die Klabauters hatten Verständnis, schließlich hatten sie immer ein gutes Verhältnis zu den Eigentümern. Sie hatten nichts dagegen. Warum auch? Es waren ja nur Fotos von Räumen. Von Wänden. Von Fenstern. Vom Haus halt, was dann hoffentlich wieder in gute Hände kommt.
Der Makler fotografierte gewissenhaft: das Wohnzimmer, die Küche, den Flur. Er achtete auf Licht, auf Winkel, auf Übersichtlichkeit. Zwischendurch trank er den angebotenen Kaffee mit Genuss.
Natürlich war auf den Fotos auch etwas zu sehen.
Der etwas speckige Bademantel, der seit Jahren „nur kurz“ an der Tür hing.
Die eigenwillige Auswahl an Magazinen im Abo.
Das Foto mit dem entfernten Onkel, der ein heutzutage nicht mehr salonfähiges Parteiabzeichen trägt.
Das handgeschriebene Schild „BITTE NICHT ÖFFNEN“ an einer Tür, hinter der sich Dinge befanden, die selbst die Klabauters nicht mehr vollständig erinnerten.
Doch all das erschien belanglos. Der Makler war freundlich. Die Situation alltäglich. Die Klabauters dachten nicht weiter darüber nach.
Sie hatten ja nichts zu verbergen.
Also fast nichts.
Also nichts Strafbares.
Kaum veröffentlicht, verbreiteten sich die Bilder wie ein Feuerwehr-Alarm in der Nachbarschaft: „Ei, schau mal her!“ rief ein Bekannter. „Ist das nicht euer Wohnzimmer?“ fragte die entfernte Cousine. „Das sieht ja aus wie ein Museum!“ meinte jemand, der nie eingeladen worden war.
Plötzlich spürten die Klabauters es: Ein diffuses Gefühl des Beobachtetseins. Es war, als säßen sie nicht mehr nur am Frühstückstisch, sondern auf einer Bühne, umgeben von unsichtbaren Zuschauern mit imaginären Ferngläsern. Jede Bewegung – ein Akt, jedes Lachen – eine Probe, jede verschüttete Milch – ein Skandal. Tag und Nacht glaubten sie, von unsichtbaren Blicken umgeben zu sein, wie Schauspieler in einem Theaterstück, dessen Publikum niemals applaudiert.
Erst da sahen sie das Exposé - mit anderen Augen.
Die Fotos waren sachlich. Nüchtern. Und doch trafen sie die Klabauters mit voller Wucht. Denn plötzlich wurde ihnen klar:
Man konnte sie erkennen, ohne sie zu sehen.
Man wusste etwas über sie, ohne sie zu kennen.
Sie waren durch die Veröffentlichung der Fotos sozusagen demaskiert worden. Nicht als Personen mit Namen und Gesichtern, sondern als Menschen mit Gewohnheiten, Eigenheiten, kleinen Peinlichkeiten. Es entstand dieses seltsame, diffuse Gefühl des Beobachtetseins – als säße man im eigenen Wohnzimmer, während irgendwo unsichtbar jemand nickend dachte: Aha. So sind die also.
Jede Bewegung fühlte sich fortan erklärungsbedürftig an. Jeder Gegenstand potenziell aussagekräftig. Der Alltag wirkte plötzlich wie eine Ausstellung ohne Eintrittskarten.
„Es ist, als hätten wir eine Rolle gespielt, ohne es zu wissen“, sagte Herr Klabauter leise. „Und das Publikum ist schon da.“
Sie forderten Auskunft, Erklärung, schließlich auch Ausgleich. Sie beriefen sich auf ihr Gefühl, ihre Würde, ihr Recht, nicht zum unfreiwilligen Schaustück zu werden. Doch das Gericht blieb nüchtern und freundlich.
Die Richter erklärten, dass eine demaskierende Wirkung grundsätzlich denkbar sei – hier jedoch hätten die Klabauters durch ihr Verhalten stillschweigend eingewilligt. Wer den Fotografen hereinlasse, wer die Aufnahmen dulde, müsse damit rechnen, dass diese auch gezeigt würden. Ein Schadenersatzanspruch bestehe nicht.
Hier geht es nochmal zur "trockenen" Version der Geschichte.↗
Das Maklerbüro entfernte die Fotos später dennoch zügig. Die vermeintliche Ordnung war wiederhergestellt. Das Gefühl jedoch blieb.
Manchmal, wenn Herr oder Frau Klabauter heute durch das Wohnzimmer gehen, haben sie noch immer kurz das Empfinden, jemand sehe zu. Nicht wirklich. Aber so, als hätte das Haus selbst sich gemerkt, dass es einmal öffentlich war.
Die DSGVO schützt vor Kontrollverlust.
Das Unbehagen entsteht erst nach der Veröffentlichung: wenn Dritte die Bilder erkennen, kommentieren und deuten. Genau dort beginnt der Kontrollverlust.
Die DSGVO schützt indirekt Ihren Ruf.
Datenschutz ist kein Zusatzkram, sondern ein Instrument, um Beschwerden zu vermeiden, Vertrauen zu stärken und Abläufe sauber zu halten.
Bei bewohnten Innenräumen ist eine konkrete, nachvollziehbare Freigabe vor Veröffentlichung der sicherste Weg.
Vorher sagen: wo erscheint das Exposé, wer kann es sehen, wie lange bleibt es online, wie läuft die Löschung.
Keine Nahaufnahmen privater Gegenstände; peinliche oder individualisierende Details entfernen.
Fotografen/IT/CRM: Rollen klären, Zugriffe begrenzen, Löschroutinen definieren.
Wenn Datenschutz bei Ihnen bisher „mitläuft“: Ein Workshop schafft Klarheit und fertige Vorlagen. Nicht als Moralkurs, sondern als Prozeß- und Rufschutz.
Hinweis: Keine Rechtsberatung. Diese Seite soll verständlich machen, warum Datenschutz praktisch zählt – für Menschen und für Unternehmen.